Auskunft über den Norddeutschen Koordinationsrat der russischsprachigen Bürger in Hamburg

Historisch gesehen hat Russland seinen Landsleuten im Ausland noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Noch vor 20 Jahren hat man denen, die ins Ausland gingen, die Staatsbürgerschaft aberkannt und sie als Landesverräter gebrandmarkt. Diejenigen, die noch zu Zeiten der Sowjetunion groß geworden sind, erinnern sich lebhaft daran, dass man bei Einstellung die obligatorische Frage nach Verwandten im Ausland beantworten musste. Im Vergleich zu den jüdischen, chinesischen, armenischen Kulturgemeinden im Ausland hatten die russischen Migranten keine Lobbyarbeit geleistet. Bis dann im 21. Jahrhundert einige Veränderungen passiert sind. Beim Zerfall der Sowjetunion landeten Millionen von russischsprachigen Bürgern ohne ihren Willen außerhalb Russlands im Ausland (z.B. in der Ukraine, im Kasachstan, in den baltischen Staaten). Millionen von Menschen, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, haben die Reisefreiheit genutzt und sind nach Deutschland, in die USA, nach Israel ausgereist, sie bewahren aber den Bezug zu ihrem Heimatland und häufig auch die jeweilige Staatsbürgerschaft, oder zumindest das Recht, diese zu erwerben. In der ganzen Welt bildeten sich eine Art russischer (russischsprachiger?) Gemeinden. Heute zählen zu der russischsprachigen Gemeinde Hamburgs 200 000 Menschen. Diese Menschen haben unterschiedliche Einstellungen zu Russland und der russischen Sprache. Sie werden vertreten von sehr unterschiedlichen Organisationen. Unvereinbar erscheinen die Tätigkeitsbereiche des Vereins Samovar e.V., der eine russische Zeitschrift herausgibt und Russischkurse für Kinder anbietet, mit den Zielen des Vereins der Deutschen aus Russland, Russland und Russisch möglichst hinter sich zu lassen bzw. zu vergessen. Nicht desto trotz haben alle in der UdSSR Geborene einiges gemeinsam. Wir haben wenig Erfahrung mit dem Leben in einer Demokratie, in einer Marktwirtschaft. Und wir haben wenig Erfahrung auf dem Gebiet der Solidarisierung, in der Suche nach Gemeinsamkeiten.

Ein paar Worte zu unserem Hamburger Verein Perspektiva.

Der Verein Perspektiva existiert seit über drei Jahre. Diese Zeit haben wir genutzt, um unsere „Marke“ zu etablieren, um unsere Ziele abzustecken und unser Potential zu ergründen. Die große, ein paar Millionen starke russischsprachige Gemeinde Deutschlands hat einige Formen an Eigeninitiativen ausprobiert. Es gab mehrere Versuche, in Hamburg einen Verein der Landsleute zu gründen, die sowohl positive als auch negative Erfahrungen mit sich brachten. Der Verein Perspektiva hat bei ihrer Gründung diese Erfahrungen verarbeitet. Wir möchten betonen, dass wir unseren Verein zusammen mit einer Gruppe der Gleichgesinnten sozusagen „für unsere Zwecke“ gegründet haben. Am Anfang haben wir keine breite Mitgliedschaft geplant, denn solche gab es bereits in Hamburg, wir haben uns nicht dem Erlernen der russischen Sprache von unseren Kindern gewidmet, denn diese Aufgabe lösen bereits die anderen... Wir hatten von Anfang an ein anderes Ziel.

Etwas genauer: wer sind denn wir? Wir, das sind 30 Menschen. Alle sind wirtschaftlich unabhängig und möchten den anderen helfen, die Unabhängigkeit selbst zu erreichen.

Unter uns sind bekannte Hamburger oder besser gesagt norddeutsche Unternehmer, Journalisten, Juristen. Es sind unter uns einige, die die russische Sprache erlernt haben. Dem Pass nach sind wir fast alle Deutsche, wir können entsprechend in der Politik mitwirken, einige haben noch die russische Staatsbürgerschaft beibehalten.

Und in dieser Gesellschaft kam uns der Gedanke, den russischsprachigen Bürgern bei ihrer Integration in die deutsche Wirklichkeit zu helfen. Wir haben uns als Ziel gesetzt, den Russischsprachigen zu helfen, Unternehmer, politisch gebildete Wähler, aktive Teilnehmer im politischen Geschehen zu werden.

Was tun wir dafür? Zum Beispiel haben wir in Hamburg und Umgebung bekannt gegeben, dass wir einen Existenzgründungscenter für russischsprachigen Bürgern initiiert haben.

Wir arbeiten zusammen mit der örtlichen Agentur für Arbeit, um unseren Landsleuten bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze durch unsere Unternehmer Vorteile bieten zu können. Nach einem mehrmonatigen Koordinierungsmarathon sind wir auf der Zielgeraden angelangt und werden russische Sprechstunden mit dem Bundestagsabgeordneten von Hamburg (jetziger Arbeitsminister) Herrn Olaf Scholz anbieten können. Dank unserer aktiven Arbeit mit den russischen Vertretungen und Behörden, begleitet durch Pressearbeit, haben unsere Vertreter ehrenvolle Einladungen zum Petersburger Dialog (traditionelles russisch-deutsches öffentliches Treffen der Regierungsvertreter), sowie zum Baltic Development Forum 2006 in Stockholm wahrgenommen, an dem die Regierungschefs der baltischen Länder (das Forum eröffnete der Präsident der Europäischen Kommission Herr Barrosu) und Vertreter der Wirtschaft und der Gesellschaftsorganisationen teilgenommen haben.

Die Entwicklung der russischen Politik hat in Bezug zu der russischen Gemeinde im Ausland im Jahr 2006 eine neue wichtige Ebene erreicht. Die angehäuften zusätzlichen finanziellen Möglichkeiten Russlands und die Ambitionen in der Außenpolitik haben eine Bewegung der „Landsleute“ ins Leben gerufen.

Wenn wir über die „russischen Landsleute“ sprechen, müssen wir uns vor Augen halten, dass es eine sprachliche Neuschaffung aus der postsowjetischen Zeit ist. Man muss diesen Begriff von dem „Staatsbürger Russlands“ trennen, sowie den Begriff „russischsprachiger“ von dem „russischsprechenden“. Die russischen Machthaber bestehen darauf, dass es nicht so sehr ein juristischer Begriff sei, sondern dass es eine Frage der Selbstbestimmung ist. Allerdings hat man im russischen Haushalt für das Jahr 2007 Millionen von Euro für „die Unterstützung der Landsleute“ vorgesehen. Es wird wohl vorausgesetzt, dass ein Landsmann ein gegenüber Russland loyal eingestellter russischsprachiger Bürger sei, sonst wäre die Frage der Unterstützung ziemlich widersinnig. Eine andere Sache ist, dass unter dem ausgedehnten Begriff der „Landsleute“ auch die „Bürger Russlands im Ausland“ mitgemeint sind. Von den letzten forderte man bisher keine Loyalitätserklärungen gegenüber der heutigen Politik Russlands. Also musste das Geld verwendet werden und so entstanden die Koordinationsräte der russischen Landsleute in der ganzen Welt. So auch in Deutschland. In verschiedenen Ländern sind die Koordinationsräte unterschiedlich organisiert, an manchen Orten werden dort auch Privatpersonen und gewerbliche Einrichtungen untergebracht.

Die Vertreter der russischen Regierung in Deutschland haben den Weg der Nutzung der bereits vorhandenen gesellschaftlichen Organisationen der russischsprachigen Einwohner Deutschlands beschritten. Die russische Botschaft und das russische Auswärtige Ministerium haben eine Initiativgruppe zur Einberufung und Durchführung der Bundeskonferenz der russischen Landsleute gegründet.

Zu dieser Konferenz wurden die eingetragenen Vereine eingeladen, die positiv die Frage „ist Ihre Organisation eine Organisation der russischen Landsleute?“ beantworten konnten.

Auf der Konferenz hat man in Anwesenheit von Vertretern des russischen Auswärtigen Ministeriums und der russischen Botschaft aus den Reihen der Konferenzteilnehmer den ersten Bundeskoordinationsrat der russischsprachigen Bürger gewählt.

Zum Mitglied des Bundesrates der russischsprachigen Bürger wurde der Vertreter des Hamburger Vereins Perspektiva Herr Vladimir Papkov gewählt. Laut dem Beschluss der ersten Konferenz wurden in allen Bundesländern die Landeskoordinationsräte gegründet. Man muss dabei erwähnen, dass bei der Konferenz als Gäste die Vertreter der deutschen Regierung anwesend waren, die Durchführung an sich wurde aber voll und ganz vom russischen Steuerzahler beglichen.

Die Koordinationsräte der russischsprachigen Bürger in allen deutschen Bundesländer sollen einige für die Regierung in Moskau und für die russischsprachige Gesellschaft wichtige Fragen lösen können.

1)  Unterstützung der russischen Sprache außerhalb Russlands. Es ist außer Frage, dass dieser Tätigkeitsbereich in der ganzen Welt üblich ist und nichts Verwerfliches an sich hat (Goethe-Institut, Instituto Cervantes). Der Hauptspieler in diesem Bereich ist die in 2007 gegründete Stiftung „Russische Welt“ (Der Leiter ist der bekannte Politologe Vjatscheslaw Nikonow) .. 

2)  Wiederherstellung und Schaffung von Stützpunkten der russischen Kultur in der ganzen Welt. Verschiedene Kultur- und Bildungsprojekte werden sowohl von der Stiftung „Russische Welt“ als auch direkt aus den Haushaltsmitteln Russlands unterstützt, durch die Botschaften und die frisch gegründete Koordinationsräte.

3)  Image Russlands. Die Unterstützung Russlands für ihre Landsleute wird verstärkt in den russischen Medien beleuchtet und ist häufig ein Thema bei Reden im russischen Parlament. Diese Unterstützung erstreckt sich auch auf die Landsleute, die nach Russland zurückkehren möchten.

4)  Prorussische Lobby. Es wird auf verschiedenen Ebenen diskutiert, wie man eine Lobby schafft, damit man Russland von den russischen Gemeinden im Ausland aus unterstützen könnte. Zum Beispiel sind im Weltkoordinationsrat der russischsprachigen Bürger ein Europaabgeordnete, Abgeordnete der Parlamente der europäischen Länder und der GUS-Länder, die von der Nationalität Russen sind.

Ja, wir und unsere Kollegen in den Koordinationsräten meinen, dass es richtig und gut ist, dass Russland endlich Geld für diese Projekte bereitstellt. Wir freuen uns, unsere Kinder auf Reisen nach Russland und unsere Lehrer zum Praktikum nach Russland nächstes Jahr schicken können. Alles auf Kosten des russischen Haushaltes... Und es ist bestimmt richtig, dass die Leitung des Koordinationsrates mit der Hamburger Regierung im Namen der russischen Einwohner sprechen möchte, und wiederum zurück über unsere Vereine und russische Medien an die russische Gemeinde Informationen zu gemeinsamen Projekten mit den Hamburger und russischen Behörden zu liefern.

So ist der Norddeutsche Koordinationsrat der russischsprachigen Bürger, der bereits aus ein paar Dutzend Vereine der russischsprachigen Bürger Hamburgs und Umgebung besteht, dazu geschaffen worden, die Beziehungen zwischen den russischsprachigen Einwohner der Stadt und den russischen und deutschen Regierungsvertretern zu verbessern. Die Teilnahme unseres Rates an den Verhandlungen der offiziellen russischen Vertreter und der Stadt über die Gründung einer deutsch-russischen bilingualen Schule betont nochmals, wie wichtig die Präsenz einer vereinenden Einrichtung in der Stadt ist, vor allem aus dem Fakt heraus, dass es hier keine Russische Gemeinde gibt.